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Samstag, 16. Januar 2016

Faszination lokaler Geschichtsforschung


Text: Sabine Gerhardus und Irene Stuiber
Fotos: Andreas Kreutzkam

Kaya Dreesbeimdiek
Die Ausführungen Kaya Dreesbeimdieks über Johann Kling, den ersten Nachkriegsbürgermeister von Haimhausen, beieindruckten bei der Eröffnung der Wanderausstellung "Das Lager und der Landkreis" am 13. Januar 2016. Kling wurde während der NS-Zeit zweimal als politischer Gegner der Nazis verhaftet.

Die Biographie von Johann Kling schrieb die Jura-Studentin vor einigen Jahren im Rahmen des W-Seminars „Biographisches Schreiben“ als Schülerin des Josef-Effner-Gymnasiums in Dachau. Schreiben, so hatte sich Kaya Dreesbeimdiek anfangs gedacht, das klappt meist gut, biographisches Schreiben interessiert mich.

Über Kling wusste sie zunächst nur, dass er der erste Nachkriegsbürgermeister von Haimhausen war, dass er Kommunist war, Häftling des KZ Dachau, und dass es eine Tochter gab. Die erste große Herausforderung des Seminars war die Arbeit in den Archiven. Hier besonders:  handschriftliche Quellen. Sie saß Stunden über den Haftbüchern und suchte nach dem Namen in einer Schrift, die schwer zu entziffern war. „Irgendwann sieht jeder Name aus wie Johann Kling!“

Um so schöner, wenn sich eine Information findet und sie eine Vermutung bestätigt. Wenn es Quellen gibt, die einen weiterbringen, die helfen, neue Ideen zum Weitersuchen zu entwickeln. Das, so glaubt Dreesbeimdiek, ist es, was jedem Historiker die Motivation gibt, weiterzumachen.

Die Referentin schilderte detailliert Johann Klings Leben. Es war geprägt von Krankheiten, aber auch von seiner Geradlinigkeit, seinem Einstehen für seine Ideale – so hat ihn jedenfalls seine Tochter im Interview geschildert.

Es gelang Kaya Dreesbeimdiek zu zeigen, wie widersprüchlich Informationen über einen Menschen in verschiedenen Quellen sein können. Beispielsweise zeigen die Dokumente aus der Entschädigungsakte, mit welchen wirtschaftlichen Schwierigkeiten Kling zu kämpfen hatte, als er zwischen der ersten und der zweiten Verhaftung sein Fahrradgeschäft nicht mehr weiter betreiben konnte, und zudem die Bücher seiner Leihbücherei beschlagnahmt worden waren. Er benötigte die Bücher oder einen Ersatz dafür, um seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können, so schrieb er an das Landesentschädigungsamt. Gleichzeitig war er in Haimhausen der einzige, der ein Auto besaß. Die Zuhörer bekamen einen lebendigen Eindruck von der Vielschichtigkeit Johann Klings und gleichzeitig von den vielen offenen Fragen und Lücken, die bei der Erforschung einer Biographie entstehen.
Marianne Klaffki und Anton Jais
Die Faszination und die Notwendigkeit lokaler Geschichtsforschung betonten auch die anderen Referenten des Abends. Peter Felbermeier äußerte sich in zweifacher Funktion, als Chef des Rathauses, Bürgermeister von Haimhausen und als Vorsitzender von Dachau Agil. Er zeigte sich sehr angetan vom Erfolg der Projekte der Geschichtswerkstatt und betonte mehrfach, wie froh er ist, dass es dieses Projekt gibt und dass noch so viele Zeitzeugen zu Wort kommen.

Marianne Klaffki, stellvertretende Landrätin, misst der Arbeit der Geschichtswerkstatt große Bedeutung bei. Sie trage gerade in der heutigen Zeit zu einer Gesellschaft der Menschlichkeit bei. Klaffki wünscht sich eine Fortsetzung der Arbeit der Geschichtswerkstatt.

Sabine Gerhardus, Leiterin des Teilprojekts „Das Lager und der Landkreis“ bedankte sich für die engagierte Arbeit am Projekt bei den zahlreichen Ehrenamtlichen. Sie waren es, die in mühevoller Suche und detailgetreuer Detektivarbeit die kleinen Puzzleteilchen gesucht und zu einem Bild zusammengefügt haben.

Ausstellung: Rathaus Haimhausen, Hauptstr. 15, bis 7.2.2016
Öffnungszeiten: Mo – Fr 8.00 – 16.00 Uhr
Do bis 18.00 Uhr

Montag, 12. Oktober 2015

Ausstellungseröffnung im Landratsamt: Gedächtnisblatt über Anton Mang signiert




(Fotos: Andreas Kreutzkam)

Angehörige signierten bei der Ausstellungseröffnung am 12. Oktober 2015 im Dachauer Landratsamt das Gedächtnisblatt über Anton Mang. Auf dem Bild sind zu sehen: Nina Schiffner (Enkelin), ihre Mutter Maria Leutner und ihre Tante Zenta Heitzer (beide geborene Mang).
Sowohl zur Biographie Anton Mangs wie auch zu Paul Lachawietz lassen sich Hörbeispiele aus Interviews in der Ausstellung nachhören. Präsentiert werden gleich zwei Ausstellungen. Die Geschichtswerkstatt im Landkreis Dachau zeigt  "Das Lager und der Landkreis"  und "Kriegsende und Nachkriegszeit". 
Den Eröffnungsvortrag hielt Bernhard Schoßig. Er verortete die Geschichtswerkstatt historisch in der seit Anfang der 80er Jahre boomenden "neuen Geschichtsbewegung". Wegweisend waren vor allem die "history workshops" in Großbritannien und das Buch des schwedischen Autors Sven Lindquist „Grabe, wo Du stehst. Handbuch zur Erforschung der eigenen Geschichte“, 1978 erschienen, auf Deutsch erst 1989. Schoßig erklärte dazu: "Verbunden war das auch mit einer methodischen Innovation: der mündlichen Geschichte (oral history). Nachdem sich in den öffentlichen Archiven kaum Quellen zum Alltagsleben breiter Bevölkerungsschichten finden, wird nunmehr eine neue Quellengattung in die historische Arbeit eingeführt. Aufmerksamkeit wird auch persönlichen und privaten Dokumenten wie Fotoalben und Tagebüchern geschenkt. Schließlich: Geschichtsforschung ist für die Geschichtswerkstätten nicht ausschließlich professionellen Historikern vorbehalten. Auch die sogenannten Laien sind sehr wohl kompetent – Lindquist bezeichnet sie als Experten ihrer eigenen Geschichte."
Auch das an den Vortrag anschließende Podium war prominent besetzt: Es diskutierten Landrat Stefan Löwl, der Dachauer Referent für Zeitgeschichte Günter Heinritz sowie Forscher der Geschichtswerkstatt. Die Moderation übernahm Bezirksheimatpfleger Norbert Göttler.
Die Ausstellungen sind noch bis zum 20. November im Landratsamt Dachau am Weiherweg 16 zu sehen. Öffnungszeiten: Mo- Fr 8.00 – 13.00 Uhr, Do 14.00 – 18.00 Uhr. 
Hier noch einige Fotos von der Ausstellungseröffnung:

v.l.n.r. Helmut Größ, Norbert Göttler, Günter Heinritz, Bernhard Schoßig, Birgitta Richter

Landrat Stefan Löwl

Bernhard Schoßig, Sabine Gerhardus
Sabine Gerhardus, Annegret Braun
Bernhard Schoßig

Dienstag, 29. September 2015

Schwerpunkt: Jüdische Lehrer in Oberfranken - Start W-Seminar Bamberg


Mit Beginn des neuen Schuljahres startete das W-Seminar unter Leitung von Daniel Wächter am Bamberger Eichendorff-Gymnasium.  Die Schülerinnen recherchieren vor allem zu jüdischen Lehrern aus Oberfranken. Am Donnerstag, den 24. September, stellte Sabine Gerhardus den groben Zeitplan des Seminars vor und teilte die Werkstattordner aus. Fragen der Teilnehmerinnen drehten sich vor allem ums Thema Archivarbeit. Viel Erfolg bei der Recherche!

Dienstag, 22. September 2015

Schwerpunkt Freising - Seminarstart am Camerloher Gymnasium

Mit Verfolgten aus Freising und Umgebung beschäftigt sich das aktuelle W-Seminar am Freisinger Camerloher Gymnasium schwerpunktmäßig.
13 Schülerinnen und 1 Schüler haben am 18.9.2015 unter der Leitung von Geschichtslehrer Andreas Decker mit der Arbeit begonnen. Sabine Gerhardus stellte erste Namen von Verfolgten vor und gab die Werkstattordner aus. Nächste Woche wird Andreas Decker über die Geschichte Freisings während der NS-Zeit informieren.

Mittwoch, 16. September 2015

Herzlich willkommen, Agco und Maurycy!

V.l.n.r.: Agco, Projektleiterin Sabine Gerhardus, Maurycy
Der erste Arbeitstag für unsere neuen Teammitglieder: Jede Menge neue Gesichter und Informationen gab es am 16.9.2015 für die neuen Freiwilligen im Gedächtnisbuchprojekt.
Die 19jährige Agco Halmen kommt aus dem rumänischen Sighisoara (Schassburg), ihr gleichaltriger Kollege Maurycy Przyrowski stammt aus der Gegend um Warschau. Die neuen Freiwilligen haben so einige Gemeinsamkeiten: Beide sprechen sehr gut deutsch, für Agco ist das sogar die Muttersprache. Beide haben eben ihr Abitur erfolgreich absolviert. Und nicht zuletzt: Beide interessieren sich sehr für Zeitgeschichte, daher fiel ihre Wahl auf Dachau. Agco kennt ihren neuen Wohn- und Einsatzort bereits, sie war Teilnehmerin einer Internationalen Jugendbegegnung.
Wir wünschen beiden viel Spaß bei der Mitarbeit im Gedächtnisbuchprojekt und ein schönes und erfolgreiches Jahr in Dachau. Herzlich willkommen!

Mittwoch, 19. August 2015

Neue Gedächtnisblätter aus den Niederlanden

Neue Gedächtnisblätter aus den Niederlanden brachte Jos Sinnema am 19. August 2015 im Gedächtnisbuchbüro vorbei. Verfasser und Porträtierte haben die Blätter eigenhändig unterschrieben.

Jos recherchiert zurzeit in Deutschland für künftige Biographien. Das Team nutzte die Gelegenheit zu einer Nachbesprechung der großen Amsterdamer Ausstellung im Widerstandsmuseum. Mit dabei außer Projektleiterin Sabine Gerhardus die Trägerkreisvertreter Andreas Kreutzkam und Klaus Schultz (nicht auf dem Bild).

Samstag, 8. August 2015

Interview: Ein Jahr als Freiwillige von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Dachau

Kat Semel


Kat, du hast jetzt ein Jahr als Freiwillige von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste hier in Dachau verbracht. Du kommst aus Kalifornien, aus Los Angeles. Woher kommst du genau?
Aus Santa Monica.
Was unterscheidet das Leben in Dachau von dem in Santa Monica?
Santa Monica, Los Angeles, ist eine sehr, sehr große Stadt. Dachau ist viel kleiner. Es ist viel ruhiger hier.  Zum Beispiel Lebensmittel. In Santa Monica bekomme ich immer alles, etwa Erdbeeren. Hier in Dachau ist das nicht so. Oder das Auto. In Santa Monica muss ich alles mit dem Auto erledigen. Ok, ich mag mein Auto – aber hier kann ich immer Fahrradfahren, das ist auch sehr nett.
Du hast zusammen mit deiner Kollegin Maya ein Gedächtnisblatt geschrieben. Was waren deine Erfahrungen damit?
Sabine Gerhardus hat uns zwei Namen gegeben, das waren beides jüdische Lehrer. Wir haben Neustädter genommen, da gab es mehr Material und wir konnten nach Würzburg ins Archiv fahren. Dort konnten wir die Gestapo-Akten einsehen. Die Recherche war ein bisschen schwierig, weil wir beide nicht so gut Deutsch sprechen. Aber es war sehr, sehr interessant und eine gute Übung für uns. Dann haben wir es geschrieben und präsentiert. Es war eine meiner Lieblingsbeschäftigungen hier.
Jemand, der neu als Freiwilliger für Aktion Sühnezeichen hierher kommt – was würdest du ihm oder ihr empfehlen?
Am Anfang war es nicht so viel Arbeit und das war ok, weil wir so viele neue Dinge wissen mussten. Und unser Deutsch war ok, aber nicht perfekt. Ich glaube, dass die neuen Freiwilligen besser Deutsch können. Ich würde sagen, ihr braucht keine Angst zu haben. Es gibt so viel zu machen und zu lernen und es ist alles sehr interessant.
Würdest du so ein Freiwilligenjahr in Dachau nochmal machen?
Ja, schon, aber vielleicht etwas anders.  Ich recherchiere gerne – ich würde versuchen, mehr Recherche zu machen.
Wenn du in zehn Jahren an Dachau zurückdenkst, an was wirst du dich erinnern?
An die Leute, die so hilfreich und freundlich sind. Und auch an das, was ich über mich selbst gelernt habe und über dieses Thema.






Freitag, 31. Juli 2015

W-Seminar Grafing: Gestaltungsworkshop mit Bruno Schachtner



von Sabine Gerhardus

29.7.2015 im Max Mannheimer Studienzentrum in Dachau. Kurz vor den Sommerferien trafen sich hier die Schüler des W-Seminars Grafing und ihrer Lehrerin Petra Köpf mit dem Dachauer Künstler und Grafiker Bruno Schachtner. Ein Schuljahr voller Arbeit, Theorie und Suche in Archiven liegt hinter ihnen. Noch bevor die Texte für die Gedächtnisblätter fertig geschrieben werden, dürfen die Schüler sich mit ihrer Biographie von einer ganz anderen Seite her befassen: Wie soll mein Gedächtnisblatt aussehen? Wie gestalte ich die Lebensgeschichte so, dass sie Interesse weckt, Leser anzieht? 
Profi-Tipps des Grafikers wurden gleich in Skizzen, Entwürfe, Zeichnungen umgesetzt. Alle wollen nun aufpassen, dass das  Verhältnis von Text und Bild stimmt, dass man das Gedächtnisblatt „nicht zu voll macht“, nicht zu viel auf eine Seite packt und Acht geben, dass es den Leser interessiert.

Bruno Schachtner zeigt, wie man Seiten einteilt

Eine der wichtigsten Erkenntnisse für Melanie war, dass es von der Gestaltung her etwas Durchgehendes geben kann, das alle vier Gedächtnisbuch-Seiten miteinander verbindet. Alicia fand die Einteilung des Textes in Spalten wichtig und hat schon eine Idee für die zeichnerische Gestaltung der Frontseite. Lena ist klar geworden, dass ein Thema ihrer Biographie (Auswanderung) nicht nur einer unter vielen Punkten ist, sondern dass es ein Schwerpunkt im Gedächtnisblatt werden soll. Sie hat dazu jetzt auch eine ganz konkrete kreative Idee entwickelt. Jonathan meint, wenn man bastelt, was in der Hand hält, dann weiß man plötzlich besser, worauf es ankommt – selbst wenn man eigentlich im Computer gestalten will – „da sieht man ganz anders drauf“. Eva drückt aus, was auch die anderen denken: „Endlich hat man hat ein Bild vor Augen, wie man das Gedächtnisblatt gestalten will!“ Dankeschön an Bruno Schachtner!
Und noch ein herzliches Danke geht an den BLLV, der das Mittagessen bezahlte!