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Sonntag, 10. Januar 2016

Geschichtswerkstatt Dachau forscht über 50er Jahre und sucht Neueinsteiger





von Annegret Braun

Annegret Braun vor Bannern der Geschichtswerkstatt
Mehr als Petticoat und BMW Isetta haben die 50er Jahre im Landkreis Dachau zu bieten. Die Geschichtswerkstatt startet dazu ein Forschungsprojekt und sucht Neueinsteiger. Das notwendige Handwerkszeug liefert ein kostenfreier Einführungskurs.
Als die Geschichtswerkstatt im Landkreis Dachau vor fünf Jahren begann, die Nachkriegszeit zu erforschen, hätte niemand gedacht, dass es solch ein Erfolgsprojekt werden würde: Eine Wanderausstellung, die an 16 Orten von vielen Besuchern angeschaut wurde, ein Buch mit Aufsätzen aus allen Gemeinden des Landkreises und ein reich bebildertes Ausstellungsheft sind das Ergebnis.
Nun steht das nächste Forschungsprojekt am Start: „Die 50er Jahre – Wirtschaftswunder und Verdrängung“. Am 16. Februar 2016 geht es mit einem kostenfreien Einführungslehrgang los. Ein idealer Zeitpunkt für Neueinsteiger, die sich für die Geschichte ihrer Gemeinde interessieren!
Die 50er Jahre waren eine Zeit des Umbruchs. Wie erlebten Menschen im Landkreis Dachau diese Zeit? Was geschah nach dem Chaos der ersten Nachkriegsjahre? Wie gelang es den Heimatvertriebenen, in ihrem neuen Leben heimisch zu werden? Und wie veränderte sich die Arbeitswelt, als das Handwerk zurück ging und die Industriearbeit boomte? Auch im Alltag entstanden viele Neuerungen: Moderne Badezimmer ersetzten das Klohäusel, Waschmaschine und Kühlschrank gehörten ebenso zu den Errungenschaften wie Auto und Telefon. Und dann die erste Urlaubsreise nach Italien! Und die Nachkriegskinder? Sie wuchsen zu Jugendlichen heran und prägten ihre Zeit mit Petticoat, Rock n’Roll und als „Halbstarke“.
Die 50er Jahre werden als eine Erfolgsgeschichte erzählt, als Wirtschaftswunder. Doch zugleich wurde viel verdrängt. Von der nationalsozialistischen Vergangenheit wollte man nichts mehr wissen.
Die Geschichtswerkstatt möchte die 50er Jahre in all ihren Facetten und Widersprüchen erforschen. Das Team der ehrenamtlichen Forscher und Forscherinnen freut sich über jeden, der mitmacht. Vorkenntnisse braucht man nicht. Im Einführungskurs wird in zehn Unterrichtseinheiten Hintergrundwissen vermittelt: über die 50er Jahre, über Politik, über Modernisierung, aber auch über praktische Geschichtsforschung wie Interviewführung und Archivrecherche.
Sind Sie interessiert? Anmeldungen werden sehr gerne im Dachauer Forum e.V. entgegen genommen: Ludwig-Ganghofer-Str. 4, 85221 Dachau, Telefon 08131/99688-0, info@dachauer-forum.de
Mehr über die Geschichtswerkstatt erfahren Sie unter www.geschichtswerkstatt-dachau.de oder www.dachauer-forum.de.

Montag, 18. Mai 2015

Ankündigung: Ausstellung der Geschichtswerkstatt in Markt Indersdorf






Die Geschichtswerkstatt Indersdorf präsentiert ihre Forschungsergebnisse ab dem 22.5.2015 in der Wanderausstellung des Landkreis-Projektes „Kriegsende und Nachkriegszeit im Landkreis Dachau (1945-1949). Bilder, Dokumente, Zeitzeugenberichte und Objekte aus dieser Zeit veranschaulichen die schwierigen Lebensumstände der Menschen in der Nachkriegszeit. Ein besonderer Aspekt der Ausstellung ist das Lager Wagenried, in dem nach dem Krieg Flüchtlinge und Heimatvertriebene untergebracht waren.
Eröffnet wird die Ausstellung am 22.5.2015 um 19 Uhr. Es sprechen Bürgermeister Franz Obesser, Anton Jais, der Vorsitzender des Dachauer Forum und Kurator Hans Kornprobst. Eine Einführung in die Ausstellung übernimmt Annegret Braun.

Ausstellungsdauer: 22.5.-20.9.2015
Ort: Augustiner Chorherren Museum, Marienplatz 1-3, Markt Indersdorf
Öffnungszeiten: Freitag und Samstag jeweils 13 – 16 Uhr, Sonntag 13 – 17 Uhr


Freitag, 10. April 2015

Diese Vergangenheit ist ihre Gegenwart - Pressetext zur Projektpräsentation am 22.3.2015

Ehrengäste: Henk van de Water und Frau van de Water


Henk van de Water, 91jähriger Überlebender des KZ Dachau, reiste eigens aus Holland an, um die Präsentation seiner Lebensgeschichte durch holländische Schüler zu hören. „Henk erzählte uns, dass er nicht überlebt hätte, wenn sich die Befreiung des Lagers noch einige Tage hingezogen hätte.“, berichteten die Schüler. Van de Water hat glücklicherweise überlebt und nutzte die Gelegenheit des Schlussworts, um seiner Frau eine öffentliche Liebeserklärung zur bevorstehenden Goldenen Hochzeit zu machen

Noch weitere zwölf Lebensgeschichten von Häftlingen des KZ Dachau präsentierten Teilnehmer des Gedächtnisbuchprojekts am 22. März in der Kirche des Karmel Heilig Blut in Dachau. Annegret Braun von der Geschichtswerkstatt im Landkreis Dachau erzählte über den Beginn ihrer Recherchen: „Ich komme aus Sulzemoos wie Jakob Hartmann und habe bei meinen Recherchen über ein anderes Projekt immer wieder gehört: „Da war einer, der hat im Wirtshaus etwas gegen den Nationalsozialismus gesagt und der kam dann nach Dachau.““ Hartmann trat schon vor der Machtergreifung gegen die Nazis ein: Er störte mit Josef Baumgartner, dem späteren bayerischen Landwirtschaftsminister, nationalsozialistische Versammlungen. „Mit Jakob Hartmann haben wir wieder einen Häftling gefunden, der in den Unterlagen des Archivs der Gedenkstätte nicht erfasst war. Es gibt aber noch viele andere Menschen, die in Vergessenheit geraten sind. Ihre Biografien zu erforschen, wird auch in Zukunft unsere Aufgabe sein.“, fasste die Referentin zusammen.

Max Günther, in der Nachkriegszeit sehr engagiert in der Gedenkstätte in Dachau, stand im Mittelpunkt des Vortrags von Sophia Maier. Die Studentin aus Augsburg schrieb ihre Biographie für das Gedächtnisbuch als Abiturientin am Ignaz-Taschner-Gymnasium. Der von ihr porträtierte Max Günther arbeitete 1933 bei MAN in Nürnberg. Seine Widerstandstätigkeit führte bereits 1933 zu einer ersten Verhaftung: Günther organisierte verbotene Treffen der KPD und druckte und verteilte Flugblätter gegen die Nazis. Ein Gericht sprach ihn wegen Mangels an Beweisen frei. Doch bereits im Herbst des Jahres folgte die zweite Verhaftung und viele Jahre KZ-Haft. Gesundheitlich schwer angeschlagen überlebte Max Günther. Spätfolgen der Lagerzeit waren körperliche und seelische Leiden.

Häufig telefoniert Christina Kranz, Abiturientin am Josef-Effner-Gymnasium, mit Otto Schimmel. Der aus Ungarn stammende jüdische Holocaust-Überlebende lebt in den Vereinigten Staaten und wäre gerne zur Präsentation angereist, gesundheitliche Gründe hinderten ihn daran. 1944, nach der Besetzung Ungarns, geriet die Familie Schimmel in die deutsche Vernichtungsmaschinerie: Seine Mutter, seine Schwester und seine Großmutter wurden in Auschwitz ermordet. Otto Schimmel überlebte Auschwitz und das Dachauer Außenlager Mühldorf. Noch heute berichtet Schimmel in Schulen über seine Erlebnisse während des Holocaust. Denn wie er sagt: „It could happen again.“

Klaus Schultz, Diakon der Versöhnungskirche, brachte in seiner Ansprache die Gefühle vieler Veranstaltungsbesucher auf den Punkt: „Wir können das Gehörte aber auch zurücklassen – uns anderen Dingen widmen. Die Menschen, die man in die Konzentrationslager verschleppte, können ihre Geschichte nicht zurücklassen – nicht einfach wegstellen und sich nicht mehr mit ihr beschäftigen. Diese Vergangenheit ist ihre Gegenwart. Nicht immer, aber doch sehr oft.“